Meine Heimat in der Südvorstadt
Von 1962 bis 1997 habe ich in der Südvorstadt gewohnt - bis 1987 in der Hegelstraße 46. Zu DDR-Zeiten wohnte man anders, als viele sich das heute vorstellen können. Eine kleine Zeitreise in die jüngere Vergangenheit. Das Foto zeigt den Blick aus dem Küchenfenster in den Hof.

Meine Heimat in der Südvorstadt in Plauen
Fünf Wohnungen, zwei Omas und ein Wellensittich: Aufgewachsen in der Hegelstraße 46
Von der Geburt bis zum Auszug: Ein Haus in Familienhand
Von 1962 bis 1986 wohnte ich in diesem Haus in der Südvorstadt – von meiner Geburt bis zum 24. Lebensjahr. Unsere Familie besetzte damals fünf der acht Wohnungen. Anfangs wohnten zwar nur meine Eltern im Erdgeschoss und meine Oma mütterlicherseits im ersten Stock. Aber es wurden schnell mehr. Der Bruder meiner Mutter kam dazu. Die Wohnung über meiner Oma war frei geworden, weil die dort lebende Familie eine Zuweisung für das damals neue Neubauviertel Mammengebiet erhalten hatte. Meine Großmutter wechselte also in deren Behausung eine Etage höher und in ihre zurückgelassenen Räume zog der Onkel.
1974 starb mein Opa väterlicherseits. Deshalb kam meine zweite Oma von Reusa zu uns in die Südvorstadt. Sie quartierte sich neben der anderen Oma ein. Zwei Omas auf einer Etage – wer konnte das schon von sich sagen? Das war aber noch nicht der Gipfel. Der Schwester meiner Oma mütterlicherseits gefiel der Erker. Die dort wohnende ältere Dame war verstorben. In dem Erker habe ich mich dann so um das Jahr 1980 einquartiert. Meine Großtante hatte im bereits erwähnten Neubauviertel ebenfalls eine Wohnung erhalten. Unsere Familie saß nun also in fünf der acht Wohnungen des Gebäudes.
Briketts, Trockenklo und Westfernsehen: Der Altbau-Alltag
Luxuriös war es in diesem Altbau aber nicht. Das Trockenklo befand sich eine halbe Treppe tiefer. Ein Bad stand nicht zur Verfügung. Man hat sich am Waschbecken in der Küche gereinigt. Freilich konnte man eine Blechwanne in der Küche aufstellen, was aber nicht so oft passierte. In der Regel ging es früh und abends ans Waschbecken. Meine Eltern haben später einen Badeofen und eine Badewanne einbauen lassen. Darin wurde einmal wöchentlich gebadet. Geheizt wurde mit Braunkohlenbrikett im Kachelofen des Wohnzimmers. In der Küche stand ein Herd. Später dann hatten wir besagten Badeofen noch im Bad. Im Schlafzimmer war keine Heizung. Der Kachelofen ist in den 1980ern, glaube ich, von einer Außenwandheizung mittels Gas abgelöst worden. Diese Heizung bediente aber wieder nur das Wohnzimmer.
„Mach die Tür zu, es wird kalt!“ An diesen Ruf meines Vaters, wenn in der Winterzeit die Stubentür offen stand und er im Fernsehsessel saß, kann ich mich noch gut erinnern. Ewig blieb der Kachelofen nämlich nicht heiß. Die Wärme musste den ganzen Abend reichen. Die Kohlen für die Wohnung meiner Eltern wurden vor die Haustüre gekippt, denn unser Kellerfenster befand sich zum Hof zu. Als Jugendlicher habe ich meinem Vater beim Reinbringen der Briketts geholfen. Wir holten den Schubkarren aus dem Garten, der sich gleich hinter dem Haus befand. Mit dem Schubkarren haben wir die Kohlen durch den Hausflur und im Hof nochmal um die Klärgrube herum an unser Kellerfenster gefahren und dort, so gut es ging, gleich ins Fenster gekippt. Freilich musste man die Briketts im Keller immer mal wieder verteilen, damit unter dem Fenster noch genug Platz war.
Im Keller haben wir auch das Holz fürs Feuermachen gehakt. Ich habe dann eine Zeit lang regelmäßig Feuer im Ofen gemacht. Zuerst habe ich Feueranzünder genommen, Holz drauf und ein paar Kohlen drum herum. Wenn das dann gut gebrannt hat, habe ich nachgelegt. Dann hieß es warten, bis die Kohlen glühen. Das konnte schon eine Weile dauern. Vielleicht eine Dreiviertelstunde oder so. Genau weiß ich es nicht mehr. Dann mussten die obere und die untere Tür des Ofens (unten für den Aschekasten) zugeschraubt werden. Somit heizten sich die Kacheln richtig auf. Man konnte sie nicht längere Zeit anfassen, so heiß sind die oft geworden. Diese Wärme vom Nachmittag hat bis in den Abend hinein gut gehalten.
Auch eine Waschmaschine gehörte in den frühen 1970er Jahren noch nicht zum Standard. Den Mietern des Hauses stand das Waschhaus zur Verfügung, das vom Hinterhof aus zu erreichen gewesen ist. Darin stand ein großer Waschkessel. Die Wäsche hing man zum Trocknen im Hof auf. Meine Mutter brachte die Wäsche in den frühen Jahren in eine Mangel mit riesigen Holzrollen. Die befand sich in einem Hinterhof an der Kantstraße.
Um ein Fernsehprogramm empfangen zu können, brauchte es eine Antenne auf dem Dach. Vater hatte einen Experten für die Installation an der Hand. Diese Leute hatten damals viel zu tun, denn natürlich wollte jeder Haushalt störungsfrei die Westsender sehen. Mit der Antenne auf dem Dach war es aber nicht getan. Das Kabel musste durch den Dachboden geleitet und dann wieder hinaus an die Außenwand durchgesteckt und dann an der Fassade entlang bis zum Wohnzimmerfenster gebracht werden. Da meine Eltern ganz unten im Erdgeschoss wohnten, war das eine ganz schöne Arbeit. Ich weiß noch, dass Vater einige Male auch allein auf dem Dach herumkraxelte, um die Antenne zu richten, weil das Bild nicht gut war. Manchmal war ich auch dabei.
Der Rückzugsort: Der Oberboden
Auf dem großen leeren, hölzernen Oberboden, mit dem bei jedem Schritt knirschenden Dielen, habe ich mich sehr wohl gefühlt. Manchmal bin ich auch allein da rauf, um aus den Dachluken heraus in die Ferne zu schauen. Man hatte da einen fantastischen Ausblick auf das Tal des Milmesbaches, aber auch in andere Richtungen. Ich wäre am liebsten auf dem Oberboden eingezogen. Man war auch allein, und für die Einsamkeit hatte ich als Jugendlicher, vielleicht auch schon als Kind, eine Vorliebe. Warum das so gewesen und bis heute, also ein gutes halbes Jahrhundert, so geblieben ist, wäre einen Extra-Beitrag wert. Geblieben ist auch der Wunsch, in einem Haus ganz oben zu wohnen, und das möglichst allein.
So wie ich 18 Jahre alt war, bin ich zwar nicht auf dem Dachboden, aber in der Dachgeschosswohnung meiner Großtante eingezogen. In einer benachbarten Bodenkammer hatte ich meine Dunkelkammer eingerichtet. Die Schwarzweißfotografie war zu jener Zeit mein Hobby. Gearbeitet habe ich als Filmvorführer. Ich bin also immer erst abends spät nach Hause gekommen, musste immer erst nach dem Mittag zur Arbeit gehen und hatte in der Regel frei, wenn andere die Woche über jeweils von Montag bis Freitag immer von früh bis abends in ihre Betriebe gingen. Ich wollte so nicht leben – auf gar keinen Fall. Was das angeht, habe ich mir meine Unabhängigkeit bis heute bewahren können.
Bei der „Schokoladenoma“ in der zweiten Etage
Von unseren fünf Wohnungen in diesem Haus war mir die meiner Schokoladenoma am liebsten. Bei ihr herrschte die größte Harmonie. In meiner Kindheit und Jugend bin ich gerne und oft bei ihr gewesen. Sie hatte alte Möbel, die noch aus der Zeit vor dem Krieg gestammt haben müssen. Alles war perfekt angeordnet, nach ihren Bedürfnissen eingerichtet. Oma hatte feste Gewohnheiten, von denen sie nicht abgerückt ist. Sie stand zeitig auf, noch vor 6 Uhr, wenn ich mich richtig erinnere. Gegen 8 Uhr ging sie oft schon in die Stadt. Um 10.30 Uhr stand ihr Mittagessen auf dem Tisch. Wenn andere zu Mittag gegessen haben, machte Oma schon ihren Mittagsschlaf.
Natürlich kenne ich nicht ihren gesamten Tagesablauf. Aber dass sie nachmittags oft in dem alten Sessel mit der hohen Rückenlehne gesessen hat, das weiß ich noch. Der Sessel stand direkt am Kachelofen, und auf der anderen Seite des Sessels stand ebenfalls direkt daneben der kleine Beistelltisch mit dem Radio. Es lief immer der gleiche Sender, nämlich Radio DDR. Genauso war das beim Fernsehen. Außer dem DDR-Fernsehen kam nichts anderes auf die Mattscheibe. Montags bis Freitags guckte Schokoladenoma aber selten fern, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Die Samstagabend-Shows des DDR-Fernsehens gefielen ihr dagegen sehr. Sie ist da voll und ganz aufgegangen in diesen Sendungen.
Gleich nebenan bei meiner anderen Oma kam übrigens fast nie DDR-Fernsehen auf den Schirm, und bei meinen Eltern ebenso selten. Das war aber nicht der einzige Unterschied der beiden älteren Damen. Man kann sagen, dass diese beiden Familien völlig unterschiedlich waren. Darauf komme ich später vielleicht nochmal zurück.
Den Beinamen Schokoladenoma verdankt sie der Schokolade, die sie mir in angenehmer Regelmäßigkeit geschenkt hat. Überhaupt war sie mir sehr zugetan, hat es immer gut mit mir gemeint. Ich glaube, dass ich mit Schokoladenoma sehr verbunden gewesen bin, vielleicht so eng, wie mit keinem anderen Menschen. In ihrer Wohnung in der zweiten Etage rechts habe ich mich sehr wohl gefühlt. Eine Zeit lang wohnte ich bei ihr, bin in meinen Jugendjahren aber auch so immer oft bei ihr gewesen. Oma hat oft aus dem Fenster gesehen – meistens in der Wohnstube zum Dillnerplatz raus, aber auch in der Küche und in der Kammer zum Hof raus.
Ihr Wohnzimmer war perfekt eingerichtet, wie ich heute finde. Neben dem Kachelofen mit dem Lehnsessel und dem Radio auf dem Beistelltisch stand ihr Wohnzimmerschrank, in dem sie Geschirr stehen hatte, unter anderem. Auf dem Wohnzimmerschrank stand der Vogelkäfig, dessen Tür für ihren Wellensittich Bubi immer offen war. Der Piepmatz hatte mehrere Außenanlagen, also Spielzeug und sowas, auf dem Schrank. Er konnte von einem Ende des Schranks bis zum anderen Ende marschieren, was er auch gerne gemacht hat. Ihm stand das gesamte Territorium zur Verfügung. Legte man ihm irgendwas auf seinen Schrank, hat er es runtergeschmissen, nicht ohne vorher nachzuschauen, ob das auch tief genug ist bis zum Fußboden runter.
Wenn der Vogel nicht so wollte wie sie, konnte sie tüchtig mit ihm schimpfen. Das war manchmal ziemlich heftig. Ich denke, dass sie sich das eine oder andere Mal allein fühlte. Der Sittich war so etwas wie ihr Gefährte, also das, was für andere der Hund ist.
Links neben dem Schrank befand sich die große Standuhr mit dem fantastischen Glockenschlag. Aus dem rechten Stubenfenster hat Oma immer rausgeschaut, und zwar ziemlich oft. Direkt gegenüber befand und befindet sich ja auch heute noch der Dillnerpark. Auf der Straße davor, also direkt vor unserem Haus, hielt sich der Verkehr zu DDR-Zeiten im Vergleich mit heute sehr in Grenzen. Die Staub- und Lärmbelastung hinderte niemand daran, aus dem Fenster zu sehen.
In der Etage unter ihr wohnte eine ältere Dame, ebenfalls Witwe, die ebenfalls recht oft aus dem Fenster gesehen hat, und so kamen die beiden älteren Frauen mit der Zeit immer mehr ins Gespräch. Sie haben sich dann auch manchmal kurz auf einen Plausch in der Wohnung besucht. Als Freundin hätte Oma diese Frau aber niemals bezeichnet. Mir und meinen Eltern gegenüber spottete sie immer über die Nachbarin. Aber ich denke, sie war in ihrer Einsamkeit ganz froh über die gelegentlichen Gespräche – wenn auch meist nur getratscht worden ist.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Einsamkeit betrachte ich als nichts schlechtes. Sie kann sehr erbauend sein. Das ist meine Erfahrung. Aber ab und zu braucht man mal jemand zum Reden. Das ist ganz normal. Genau wie ich hat sich Schokoladenoma nicht wohl gefühlt in der Gemeinschaft. Bei Zusammenkünften an Weihnachten oder bei ähnlichen Anlässen war das deutlich zu spüren. Sie saß in der Runde, gehörte aber nicht so richtig dazu, und wollte wohl auch nicht dazugehören – genau wie ich fast mein ganzes Leben lang, und heute noch. Ab und zu sprach einer aus der Familie die Oma an, weil es sonst zu peinlich geworden wäre, wenn sie nur daneben hockt. Meine Güte, wie oft habe ich das auch schon erlebt. Ich hasse das und meide deshalb derartige Treffen.
Vor dem anderen Stubenfenster standen die Blumentöpfe, zwischen den Fenstern der Fernseher. Das Sofa zierte die andere Zimmerseite, gegenüber dem Wohnzimmerschrank mit dem Wellensittich oben drauf. Genau in der Mitte stand der große viereckige Stubentisch, der richtig massiv war. An diesem Tisch nahm sie ihre Mahlzeiten ein.
Ich fand das sehr gemütlich. Es waren noch alte Möbel, die möglicherweise noch vor dem Krieg gekauft wurden. Auch in der gemütlichen Küche hat es mir gefallen. Oma kochte mir immer wieder Eiersuppe, die ganz köstlich geschmeckt hat. Ich weiß nicht, wie sie die zustande brachte. Ich habe so eine Suppe seitdem nie wieder irgendwo gesehen und auch nichts davon gehört.